35. Landeswettbewerb Alte Sprachen - Ein brennendes Plädoyer für den Unterricht im Klassenverband

 

Landeswettbewerb 2022 Jakob Stöberl und Nina Reindl

Die Textauswahl des 35. Landeswettbewerbs Alte Sprachen, der am 04. Februar 2022 bayernweit zur Förderung der humanistischen Bildung in Bayern stattfand, traf wahrlich einen “entzündeten” Nerv unserer Zeit.

Bekanntlich sieht sich die Schule seit dem Beginn der Coronakrise im Zwiespalt zwischen dem Schutz der Schülerinnen und Schüler vor dem Virus und der Aufrechterhaltung des gemeinsamen Lernens im Klassenzimmer. Die vergangenen „Corona-Jahre“ waren geprägt von hitzigen Diskussionen, ob und inwiefern „Distanzunterricht“ den „Präsenzunterricht“, der vom unmittelbaren Austausch zwischen Lehrkraft und der Klasse sowie den Schülerinnen und Schülern untereinander lebt, ersetzen kann.

Schon der römische Rhetoriklehrer Quintilian hatte die Vorzüge der gemeinsamen Form des Lernens erkannt.

Eine begeisterte Lateinerin und ein begeisterter Lateiner der diesjährigen Q11, Nina Reindl und Jakob Stöberl, setzten sich im Übersetzungsteil des diesjährigen Wettbewerbs mit eben diesem Thema auseinander.

Quintilians Gedankengänge könnten dabei nicht aktueller sein: „[Discipulus] audiet multa cottidie probari, multa corrigi. Der Schüler wird vernehmen, dass vieles für gut befunden, vieles verbessert wird.“ Viele Schülerinnen und Schüler empfinden eine große Unsicherheit darüber, ob sie den digital übermittelten Lernstoff wirklich verstanden haben. Die unmittelbare und persönliche Rückmeldung der Lehrerin/ des Lehrers sind hierbei von unschätzbarem Wert.

Das gemeinsame Lernen im Klassenverband fördert auch eine gute Selbsteinschätzung des Lernverhaltens, dadurch dass sich die Schülerinnen und Schüler automatisch mit den anderen vergleichen: „Desidia aliorum discipulorum obiurgata [...] proderit, proderit industria laudata. Der Tadel der Faulheit anderer Schüler wird nützen, ebenso das Lob des Fleißes“. Ohne den Vergleich mit anderen unter- oder überschätzt man sich leicht: „Mens […] in secretis tumescit inani persuasione – In der Abgeschiedenheit schwillt der Geist in leerer Selbstüberschätzung an“.

 Neben den konkreten Auswirkungen auf das Lernen hat Quintilian auch die Zukunft im Blick: „Ubi puer discet sensum communem […], cum se a congressu segregavit? – Wo wird der Junge einen Sinn für die Gemeinschaft lernen, wenn er sich von der Gesellschaft entfernt hat?“ Vom sozialen Umgang in der Klasse profitiert also nicht nur jede/r Einzelne, sondern auch längerfristig die Gesellschaft insgesamt.

Nicht zuletzt – so betont der Rhetoriklehrer – entstehen in der Schulzeit wertvolle Freundschaften, die bis ins hohe Alter Bestand haben („[…] amicitiae, quae usque ad senectutem firmissime durant“).

Wie bei vielen anderen Themen lohnt sich also auch bei Fragen zum „richtigen“ Unterricht ein Blick in die antike Literatur, um in den Überlegungen römischer Gelehrter passende Antworten auf brennende Fragen der Gegenwart zu finden.

Lasst uns in diesem Sinne unsere gemeinsame Zeit in der Schulgemeinschaft wertschätzen und genießen!

Bettina Kurz

 

 

 

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